Warum so viele Lehrer und Lehrerinnen unglücklich sind

Teachtoshine

Grundschullehrerin aus Schleswig-Holstein

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4 Antworten

  1. Mr Youler sagt:

    Hallo Sahra,

    nun kann ich mir die Zeit nehmen, um Deinen Beitrag zu kommentieren.

    Jedes einzelne Wort, das ich gelesen habe, kann ich unterstreichen. Ich unterrichte zwar nicht in
    einer Grundschule, aber Deine Erfahrungen passen auch zum Lehrerleben am Gymnasium.
    Mir fallen auch noch zwei weitere wesentliche Aspekte zum Lehrerleben allgemein – und ein
    dritter aus meiner ganz persönlichen Sicht ein.

    1. Die gesellschaftliche Achtung und der Respekt vor dem Lehrerberufs ist stark gesunken.
    Wenn ich mich an meine eigene Schulzeit erinnere, dann war das noch ganz anders. Sobald
    man heute nicht im Sinne der Eltern die Schülerleistungen bewertet, wird ‚Alarm‘ gemacht.
    Die Einschätzungen der Eltern beziehen sich meist nur auf das eigene Kind. Sie sehen ihre
    Tochter/ihren Sohn nur aus ihrer Perspektive. Wir aber müssen immer auch die gesamte
    Klasse/den gesamten Kurs im Blick haben. Auch das Sozialverhalten von Kindern ist in der
    Schule meist anders als zuhause bei der Familie. So kommt es dann, dass wir – nach Meinung
    der Eltern – ihre Kinder völlig falsch einschätzen; sie wissen wie das Kind zu bewerten ist.
    Dabei mache ich so oft klar, dass nicht das Kind, sondern dessen Leistung bewertet wird.
    Die Beschwerden landen oft bei der Schulleitung, die ihrerseits großen Druck ausübt, um
    Ärger, der nach außen wirken kann, zu vermeiden. Rückendeckung habe ich da noch nicht
    bekommen. Noch schlimmer wird es, wenn bewertete Schülerleistungen beim Rechtsanwalt
    landen (selbst schon erlebt). Das zieht dann einen Aufwand nach sich, der sich gewaschen
    hat. Man wird auf Dinge festgenagelt, die den Anschein erwecken, dass nur hinreichend viel
    Arbeit den Lehrer dazu bewegt, eine bessere Note zu geben. Auch das habe ich selbst
    schon erlebt. Kolleginnen und Kollegen meiden diesen Aufwand, geben dem Einspruch nach
    und sparen sich so viel Arbeit, obwohl es pädagogisch völlig sinnlos – vielleicht sogar am
    langen Ende für den Schüler von großem Nachteil ist.
    Bei mir ging es um eine Facharbeit (Physik), in der ich erkannte, dass der Inhalt größtenteils
    einfach nur kopiert war. Meine Bewertung war dementsprechend negativ ausgefallen; und
    der Vater des Schülers (ein Physiker) konnte/wollte das nicht wahrhaben. Sein Anwalt hat
    mir sämtliche Unfähigkeiten um die Ohren gehauen. Ich musste daraufhin einen Bericht
    über meine Notenvergabepraxis (samt inhaltlicher Stellungnahme) schreiben – insgesamt
    waren es 30 Seiten. Schlussendlich hat die Bezirksregierung den Einspruch abgelehnt und
    sich auf meine Seite geschlagen.
    Ebenfalls habe ich erlebt, dass der Schulleiter bei schweren Verstößen von Schülern (im
    Zusammenhang mit Alkohol und Drogen) einfach weggesehen hat. Er bemerkte, dass im
    Falle pädagogischer Strafen sich die betreffenden Schüler eh nicht ändern würden; ganz
    im Gegenteil, sie würden sich eher darüber freuen, dass sie eine oder zwei Wochen vom
    Unterricht befreit würden. Weil das auch eine strafrechtliche Relevanz hatte, hätte die
    Polizei eingeschaltet werden müssen. Das ist allerdings nicht geschehen, weil negative
    Schlagzeilen in der lokalen Presse befürchtet wurden. Und diese Schlagzeilen würden
    dann gegebenenfalls dazu beitragen, dass das Nachbargymnasium mehr Anmeldungen
    erhält als unsere Schule – und das wollte der Schulleiter in jedem Falle vermeiden. Dieser
    Schulleiter drückte mir am Ende des Schuljahres einen Strauß Blumen in die Hand und
    bedankte sich für den Einsatz, den ich gegenüber schwierigen Schülern geleistet hatte.
    Dieser Dank war mir aber nicht viel wert – eigentlich gar nichts. Denn ich hatte sehr viel
    außerschulische Arbeit (Elterngespräche, Polizei- und Jugendamt, Schulpsychologische
    Beratung) geleistet, die mit nur einer Bemerkung vom Tisch gefegt wurde. Mit anderen
    Worten gesagt scheint es so zu sein, dass die pädagogische Verantwortung nicht der
    eigenen Schule im Ansehen schaden soll. Dabei habe ich stets gedacht, dass genau diese
    Verantwortung dafür sorgt, dass sich Eltern für unsere Schule entscheiden, weil sie erkennen,
    dass wir unserer Verantwortung gerecht werden . . .

    2. Wenn ich im Bekannten- und Freundeskreis (dort gibt es nur mit einer Ausnahme keine
    Lehrer) von meiner Tätigkeit erzähle, wird so getan als hätte ich den entspanntesten Beruf
    der Welt. Der Korrekturaufwand, die Vorbereitungszeit fürs Abitur und die Gutachten für
    einen autistischen Schüler nehmen sehr viel Zeit in Anspruch. Darüber hinaus haben wir
    an unserer Schule Flüchtlings- und auch Inklusionskinder. Allein der Umgang mit ihnen und
    die dazu erforderlichen Kenntnisse erfordern – weit über die tägliche Belastung hinaus – sehr
    viel Zeit und Nerven. Der Unterricht in meiner Klasse wird dadurch oftmals unterbrochen
    und wirft uns wieder zurück. Den Ärger anderer Eltern über genau diesen Umstand müssen
    wir uns anhören, obwohl wir für das Zustandekommen dieser Situation gar nicht die
    Verantwortung tragen. Hier ist die Politik gefragt – die es sich allerdings sehr leicht macht.
    Es ist der sprichwörtliche Kampf gegen Windmühlen. Die Aufgaben, die sich im Umgang
    mit Flüchtlings- und Inklusionskindern ergeben, lassen sich auch nicht durch zweiwöchige
    Fortbildungsmaßnahmen reduzieren. Es gibt sehr gut ausgebildete Sonderpädagogen, die
    durch solche Maßnahmen (offensichtlich und fälschlicherweise) nicht mehr gewünscht sind.
    An unserer Schule ist das ein Desaster. Kaum jemand aus meiner näheren Umgebung kann
    diesen zusätzlichen Aufwand angemessen einschätzen.
    Eine weitere Belastung liegt auch im Abarbeiten von Aufgaben, die eigentlich nicht zum
    Lehrerberuf gehören. Mir wurde beispielsweise aufgetragen die Schüler unserer Schule zu
    fotografieren, damit zur Erstellung eines Schülerausweises keine Fotoagentur beauftragt
    werden muss (denn die verlangt ja schließlich Geld für ihre Arbeit). Damit verbunden ist das
    Organisieren von Terminen, Begleitungen und schließlich das Beschriften der Fotos. Im letzten
    Schuljahr musste ich alleine die Fotodateien von 800 Schülern nach einem bestimmten
    Einlesecode beschriften – ich habe dafür Wochen gebraucht, weil es keine unterrichtliche
    Entlastung dafür gab. Nun stehen wir kurz davor, den neuen 5er und den 6er Schülern
    Ausweise auszustellen – und ich werde mich wieder um die Fotos kümmern (müssen).
    Meine Schulleitung hat mir nicht einmal persönlich für diesen Einsatz gedankt. Auf der
    Homepage unserer Schule las ich in einem Satz, dass „wir“ das sehr gut gemacht haben.
    Auch die Übernahme eines Leistungskurses (für einen Kollegen, der in Elternzeit gegangen
    war) für drei Monate, blieb ohne Dank der Schulleitung. Bezahlt wurden wöchentlich nur
    zwei Unterrichtsstunden – obwohl die Leistungskursschüler sechs Unterrichtsstunden pro
    Woche haben.
    All diese Dinge bleiben meist unbemerkt und werden als selbstverständlich angenommen.
    Die damit verbundene Belastung wird abgetan. Sowas führt zu gesundheitlichen Problemen,
    die mich schonmal ein ganzes Schuljahr aus dem Betrieb genommen haben. Die damit
    verbundenen Behandlungen sind abgeschlossen – die Probleme (Tinnitus, Erschöpfung,
    Magenprobleme) sind geblieben; es ist recht schwer damit klarzukommen.
    Eine weitere zeitliche Belastung liegt auch in der Schülerberatung. Wann immer ich meinen
    Schülern helfen kann, mache ich das auch. Deshalb biete ich über zwei Wochenstunden eine
    Hausaufgaben-AG an, in der jeder Schüler willkommen ist. Auch hier will die Schulleitung
    nichts davon wissen. Im Gegenteil, wir werden immer weiter dazu angetrieben entsprechende
    Fördermaßnahme medienwirksam einzuleiten (die dem Ansehen der Schule dienen). Das
    Wort „Wettbewerb“ mag ich nicht mehr hören !
    Also mich belastet die fehlende Anerkennung erheblich. Ich weiß, dass es Kolleginnen und
    Kollegen gibt, die ihren Job nicht gewissenhaft ausführen. Das Bild, das sie in der Gesellschaft
    abgeben, führt u.a. zur schlechten Meinung, die viele Menschen zum Lehrerberuf haben.

    3. Neben all diesen Dingen ist mir der Unterricht das Wichtigste. Ich arbeite sehr gerne mit
    Schülern zusammen, versuche ihnen etwas beizubringen, ihnen ein Vorbild zu sein, sie zu
    motivieren über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und mit offenen Augen die Welt
    zu betrachten. Während der Herbstferien besuchen wir gemeinsam zwei Universitäten in
    unserer Umgebung, um einen Eindruck zu bekommen, der sich nicht mit ein paar Mausklicks
    am Rechner gewinnen lässt. Auch versuche ich immer mit Blick auf ein Berufsfeld meinen
    Unterricht zu gestalten, damit die Schüler erkennen wozu man Mathematik & Physik nutzen
    kann. Da ich kein gebürtiger Lehramtler bin (ich habe zweimal auf Diplom studiert und die
    Pädagogik sowie das Referendariat nachgeholt), kann ich meinen Schülern Vieles erklären
    und Dinge aus einem anderen Blickwinkel darstellen.
    Bis auf ganz wenige Ausnahmen bekomme ich positive Rückmeldungen meiner Schüler
    (von den 5ern bis zu den Abiturienten) – auch noch viele Jahre nach ihrem Abitur. Wir pflegen
    weiterhin den Kontakt zueinander in kleinen, geselligen und immer erfreulichen Runden.
    Genau das – und nichts anderes – hält mich im Lehrerberuf an der Schule.

    Liebe Grüße
    Mr. Youler

    • Teachtoshine sagt:

      Lieber Matthias, es berührt mich sehr, dass du dir die Mühe gemacht hast, mir so einen persönlichen und langen Kommentar zu schreiben. Ich danke dir ganz herzlich dafür!!! Es ist bewundernswert, was du an deiner Schule zusätzlich leistet, schade, dass deine SL das nicht im Blick zu haben scheint.
      Ich wünsche dir alles Gute
      Sahra

  2. Liebe Kollegin Sahra.
    Danke für den einfachen Gedanken, der so viel klärt und hilft, aus der Opfer-Rolle heraus zu kommen.
    Wer den Mechanismus der Einladungen in die Verwicklungen kennt, muss nicht mehr immer wieder darauf hereinfallen und kann sich dann entscheiden, anders damit umzugehen.
    Was ich im Laufe von jetzt 15 Jahren Berufserfahrung als Lehrkraft gelernt habe:
    Manchmal tut es gut, die Begrenzung eigener Möglichkeiten realistisch zuzugeben und die Verantwortungsübernahme für politische oder systemische Begrenzungen NICHT zu übernehmen.
    Das ist oft nicht angenehm, schützt andererseits vor dauerhafter Überforderung.
    Wünsche weiter viel Freude und Begeisterung für diesen sinnvollen und schönen Beruf!
    Ein ebenfalls begeisterter Kollege

    • Teachtoshine sagt:

      Lieber Michael,
      vielen Dank für deinen herzlichen Kommentar. Es freut mich sehr, dass du dir für mich die Zeit genommen hast, ihn zu schreiben! Du hast sehr Recht damit, wie wichtig Abgrenzung ist. Und sie scheint dabei zu helfen, auf Dauer glücklich und begeistert Lehrer zu sein!
      Ich wünsche dir von Herzen alles Gute
      Sahra

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